Fukushima_couple days after

Heute ist der 14.03.2011. Ob ein Tag gewöhnlich oder außergewöhnlich ist, hängt sehr vom Blickwinkel des Betrachters ab. Wenn aber viele Betrachter den gleichen Blickwinkel haben, dann ist ein Tag für Viele außergewöhnlich. Das ist heute der Fall.

Wie viele Menschen habe ich heute Bilder, Beiträge, Fakten und besonders Emotionen von der für uns anderen Seite der Erde aufgenommen.

„Fukushima“ ist das Wort, das noch letzte Woche weitgehend unbekannt in Deutschland gewesen sein dürfte.

Heute ist das anders.

Und heute ist möglicherweise erst der Anfang.

Aber der Reihe nach – Diese unglaublichen Ereignisse in Japan - von Erdbeben, Tsunami und Verwüstung, also von immerhin lokal begrenzten Naturkatastrophen über Explosionen in Kernkraftwerken bis hin zur „drohenden“ Kernschmelze mehrerer Reaktoren - Diese Themen beherrschten heute die Nachrichten und für zu viele Japaner und weniger Deutsche, den Tag. Und für viele beherrschen die Ereignisse vor allem die Zukunft. Ggf. für uns alle.

In der heutigen Sendung „Unter den Linden“ war Herr Fuchs, der stv. Fraktionsvorsitzende der CDU, zu Gast. Sicher ist es schwer für die Wähler des dunklen Spektrums, ihre Sympathie für Kernenergie von einem Tag auf den anderen abzulegen.

Die inhaltliche Substanz, die Herr Fuchs äußerte, war für eine hoffentlich große Anzahl von Menschen erstklassiger Wahlkampf für die Anti AKW Bewegung. Meines Erachtens hat Herr Fuchs nicht verstanden, dass die Argumente von vorgestern für die Atomenergie am 14.03.2011 einfach keinen Platz mehr haben – auch wenn das als besonders abgeklärte, begründete und vernünftige Haltung verkauft werden soll.

Es ist zu befürchten, dass uns die weiteren Ereignisse helfen, den Focus noch stärker auf die sich als letztlich unbeherrschbare Kernenergie zu richten: Wenn es nicht gelingt, die erste Kernschmelze in Fukushima zu vermeiden, wird es vermutlich zu einer Explosion oder zumindest zu einem sehr starken Austritt von radioaktivem Material kommen. Damit dürften alle Menschen, die sich heute noch um die Eindämmung der Katastrophe in den weiteren Reaktoren bemühen, fast unweigerlich mit tödlichen oder schwer gesundheitsbelastenden Strahlen-Dosen in Berührung kommen.

Nach der ersten Kernschmelze bzw. Leckage der Reaktorhülle erscheint es fast unweigerlich, dass auf kurz oder lang alle 6 Reaktoren, die sich in unmittelbarer Nähe befinden, nicht mehr kontrollierbar sind. Damit würde es dann möglicherweise 6 Kernschmelzen geben. Hoffentlich täusche ich mich.

Dabei wurde heute bekannt, dass ein Reaktor nicht mit Uran, sondern mit Plutonium betrieben wird. Aus der Berichterstattung über „schmutzige Bomben“ habe ich in Erinnerung, dass 1/1.000.000 Gramm des hochgiftigen Plutoniums bereits tödlich für einen Menschen sein soll. Wieviel Kilogramm enthält wohl dieser Reaktor?

„Noch halten sogar Experten Deutschland für sicher, weil weit genug weg“ Spontan gefragt: „Stimmt das?“ – nächste Frage: „Geht es darum?“

Wenn eine große Menge an radioaktivem Material aufgrund von Kernschmelzen nicht mehr in einem Behälter gehalten werden kann, aus dem heute „nur“ etwas radioaktiver Wasserdampf austritt, dann gelangt diese Radioaktivität in die Atmosphäre.

Und wenn auch vielleicht die Strahlung von einem „geschmolzenen“ Reaktor im fernen Japan uns nicht direkt gesundheitlich betrifft, so wird die Kernschmelze von 6 Reaktoren incl. Plutonium-Anteil – noch lange strahlender Weise rund um die Erde zumindest messbar sein. Die Strahlenwerte rund um Fukushima sollen bereits jetzt den deutschen Grenzwert um den Faktor 2.500 übersteigen und objektiv gesundheitsschädlich sein.

Frau Merkel hat heute die Sicherheit der Bevölkerung als höchstes Gut bezeichnet. Frau Merkel sprach heute auch davon, dass es nur „eine Welt“ gibt und uns die Ereignisse in Japan direkt betreffen. Während der zweite Satz unstrittig richtig ist, ist der erste Satz unstrittig falsch.

Richtig ist, dass der politische Prozess eine Güterabwägung zwischen verschiedensten Interessen, vermengt mit Psychologie, Persönlichkeitsmerkmalen und der subjektiven Beurteilung von Situationen und Sachverhalten ist. Natürlich ist dabei die Sicherheit der Bevölkerung nicht das höchste Gut – hört sich aber gut an.

Bärbel Höhn (Bündnis 90/Die Grünen) hat in der heutigen Sendung „Unter den Linden“ präzise aufgezeigt, was wir alle heute erleben können, dass es keiner Naturkatastrophen, keiner Erdbeben und keiner Tsunamis, sondern lediglich eines längeren Stromausfalls bedarf, um ein Kernkraftwerk mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Luft gehen zu lassen.

Wenn Frau Merkel die Sicherheit der Bevölkerung ernst nimmt, dann kann eine Technologie, die allein im Umgang mit Ihren Abfällen schon einen großen Teil an Ignoranz erfordert, nicht ruhigen Gewissens und voller Überzeugung gefördert werden. (Die Laufzeit-Verlängerung kann m.E. als „Förderung“ bezeichnet werden.)

Im letzten Herbst hieß es in der Presse, dass auch rd. 25 Jahre nach Tschernobyl die Strahlenbelastung z.B. in Wildschweinfleisch noch so stark ist, dass das vom Verzehr des Fleisches abgeraten wird. Gut, mich betrifft das im täglichen Leben selten, aber es macht deutlich, dass sich radioaktive Strahlung, wenn sie denn einmal freigesetzt ist, noch wirklich lange da ist.

Wenn es zu der Kernschmelze von 6 Reaktoren kommt, dann hat die Welt noch lange was davon.

Und während wir über das atomare Feuer in der Welt debattieren, lässt Gaddafi in den nächsten vermutlich eher Tagen und Wochen als Monate vermutlich auch den letzten Oppositionellen letztlich „dahin schlachten“ – ohne das uns was einfällt…

Was können wir tun?

Vielleicht sollten wir einfach dafür sorgen, dass Frau Merkel merkt, dass ihre Presseerklärung mit der Ankündigung eines Moratoriums, die Laufzeitverlängerung für 3 Monate auszusetzen, kein Aussitzen der Katastrophe sein kann.

Stuttgart 21 und das Internet haben gezeigt, dass die Welt im Umbruch ist.

Wir brauchen eine etwas stärkere Fokussierung des Bewusstseins auf Themen mit langfristiger Bedeutung. Das sind wir unserem Selbstbild als vernünftige Wesen einfach schuldig.

Wir sollten über das Internet zu deutschlandweiten Demonstrationen gegen Atomkraft aufrufen.

Wir sollten in diesem Jahr der Landtagswahlen dafür sorgen, dass ein großer Teil der Bevölkerung Veränderungen will:

  • Wiedereinsetzung des Atomkompromisses zum schrittweisen Ausstieg aus der Atomkraft zur endgültigen nationalen Bewältigung der seit dem 14.3.2011 objektiv und unzweifelhaft unbeherrschbaren „Rest-Risiken“ der Kernenergie.

Helfen Sie mit, dass Bundestag und Regierung die Zukunft unseres Landes und der Erde insgesamt auf Grundlage wirklich vernünftiger Beurteilungen gestalten und sich von Partikularinteressen unabhängig machen können.

Übrigens: Glauben Sie noch, dass sichere Atomkraft möglich ist?

Wenn es wirklich um Sicherheit ginge, wäre der Ausstieg aus der Kernenergie unvermeidlich.