Offener_Brief_Christian_Ude

„Auf dem Weg zur Startbahn 21“ - Ein offener Brief an Herrn Christian Ude, Oberbürgermeister der Stadt München

 

Sehr geehrter Herr Ude,

die Süddeutsche Zeitung berichtete in der Wochenendausgabe vom 16./17. Oktober 2011 über das Projekt der 3. Startbahn des Münchner Flughafens. Während ich ursprünglich einen Leserbrief schreiben wollte, halte ich nunmehr einen offenen Brief an Sie für zweckmäßiger.

Somit bitte ich Sie, mir zu den folgenden Gedanken Ihre Einschätzung zukommen zu lassen:

Dem Projekt „3. Startbahn“ wird vermutlich ein Planungshorizont von 25-50 Jahren zugrundeliegen. Fraglich ist, sowohl in Hinblick auf eine verantwortungsbewusste Entscheidung der verantwortlichen Politiker und Entscheidungsträger, als auch in Hinblick auf das beabsichtigte Bürgerbegehren, welche Planungsszenarien dieses Projekt als sinnvoll erscheinen lassen. Dabei kann man davon ausgehen, dass – ungeachtet sonstiger möglicher Einwände und Bedenken – ein deutlich wachsendes Flugverkehrsaufkommen einer positiven Entscheidung zugrundeliegen sollte. Wenn wir weiter davon ausgehen, dass in den nächsten Jahrzehnten weiterhin mit fossilen Brennstoffen geflogen wird, dann erscheint eine Prognose der Ölpreisentwicklung notwendig. Dabei schlägt dieser Kostenfaktor bereits heute in Form eines Kerosin-Zuschlags auf die Ticket-Preise durch.

Vermutlich haben viele Menschen das Bild im Kopf, dass wir noch für viele Jahrzehnte auf der Erde Öl fördern werden. Dies ist sicherlich richtig, für die Prognose des Ölpreises jedoch nur ein untergeordneter Aspekt. Wichtiger ist, dass eine Vielzahl von Studien zu dem Ergebnis kommen, dass das weltweite Fördermaximum entweder aktuell (!) bereits erreicht ist, oder spätestens in den nächsten 10 Jahren erreicht wird. Diese Einschätzung – die sogenannte „Peak-Oil-Theory“ - wird im wesentlichen dadurch gestützt, dass seit ein oder zwei Jahrzehnten die jährlich geförderte Menge an Rohöl den „jährlichen“ Zuwachs an „gesicherten“ Reserven übersteigt und eine Vielzahl von Förderländern bereits seit Jahren rückläufige Fördermengen berichten.

Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wird innerhalb der nächsten (ca. 2 bis maximal 12?) Jahre somit die weltweit steigende Nachfrage nach Rohöl auf ein sinkendes Angebot treffen. Selbst bei stagnierenden Verbräuchen in der „westlichen“ Welt reicht es für die Prognose einer steigenden weltweiten Nachfrage fast aus, sich vor Augen zu führen, dass es in China aktuell ca. 20 PKW auf 1000 Einwohner gibt - gegenüber ca. 500 PKW auf 1000 Einwohner in Deutschland. In die gleiche Richtung führt die Tatsache, dass die Förderkosten aktueller zumeist „Tiefsee-Funde“ – oder auch Öl-Schiefer / Öl-Sand Vorkommen - deutlich über den Förderkosten der Vergangenheit liegen, als „das Öl quasi aus dem Wüstensand sprudelte“.

Mittelfristig rückläufige Fördermengen treffen auf eine weltweit steigende Nachfrage. Somit wird ein deutlicher (weiterer) Preisanstieg 1. sicher kommen und 2. deutlich ausfallen. Damit geht es überhaupt nicht darum, wie lange die Menschheit überhaupt noch Öl fördern wird, sondern welcher individuelle Verbrauch für welche Volkswirtschaften (ceteris paribus) bezahlbar ist. Bereits in den letzten 10 Jahren ist der Rohölpreis – auch unter Bereinigung von spekulativen Elementen - von 10 bis 30 USD/barrel auf rd. 80 – 110 USD/barrel gestiegen. Die Zeiten billiger Energie, die unseren gesamten Lebensstandard subventioniert, sind voraussichtlich in Kürze dauerhaft „Geschichte“.

Dazu eine Grafik von einer vermutlich nicht regierungsnahen Gruppe, die ich persönlich sogar für „optimistisch“ halte:

(Optimistisch – was den peak-oil Zeitpunkt nach 2020 betrifft und pessimistisch, was den niedrigen Anteil erneuerbarer Energie und den hohen Anteil an Atomkraft betrifft.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die damit plausible und absehbare Preisentwicklung sollte erhebliche Auswirkungen auf Deutschland, auf die Weltwirtschaft, auf die Zukunft der Menschheit und damit auch auf die Region München und das Bundesland Bayern haben.

Ich habe ernsthafte Zweifel, ob diese Überlegungen, die ich bezüglich des Projektes 3. Startbahn für notwendig erachte, ausreichend von allen beteiligten Entscheidungsträgern – auch den angesprochenen Bürgern im Rahmen des Bürgerbegehrens - berücksichtigt werden.

Der m.E. nicht überzeugende und wenig verantwortungsbewusste Umgang mit der Prognose der Preise fossiler Energien wird auch aus dem folgenden Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 30.7.2011 deutlich:

 

 

 

 

 

 

 

Meine persönliche Prognose ist, dass steigende Rohölpreise und folglich auch steigende Kerosinpreise die künftige Nachfrage nach Flugreisen (incl. Luftfrachtverkehr) dämpfen werden. (Eine Zeitersparnis der Strecke Frankfurt/Innenstadt – München/Innenstadt ist schon heute mit dem „Flieger“ – im Wettbewerb zum ICE - kaum gegeben, vom Reisekomfort ganz zu schweigen. – Und steigende Kerosinpreise werden sicherlich dazu führen, dass (Video-)Telefon-Konferenzen künftig dann doch vermehrt als echte Option zu einer fast „eintägigen“ Dauer eines Geschäftstermins in einer anderen Stadt gesehen werden…)

Ein Ölpreis-bedingter Rückgang der Nachfrage nach Flügen erscheint sogar zwingend, wenn man sich die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen steigender Energiepreise vor Augen führt: Zunächst wird man feststellen, dass steigende Rohölpreise aufgrund von Ausweichreaktionen auch steigende Erdgaspreise und in gewissem Umfang sicher auch steigende Kohlepreise mit sich bringen werden. Dazu kommt, dass steigende Energiepreise jegliches „Wirtschaften“ verteuern – von der Gewinnung von Lebensmitteln, über Rohstoff-Gewinnung, Industrieproduktion bis hin zur Heizung privater Haushalte und Individual- und Massen-Verkehr.

Steigende Energiekosten werden damit unseren heutigen Lebensstandard voraussichtlich erheblich bedrohen. Obwohl die Nachfrage nach Rohölprodukten in ärmeren Ländern sicher preiselastischer ist, würden uns die Auswirkungen mit Sicherheit auch in Deutschland treffen.

Halten Sie es vor diesem Hintergrund für realistisch, dass die Nachfrage nach Flugverkehrsleistungen „grenzenlos“ wächst? Glauben Sie wirklich, dass wir alle in den nächsten 10 – 30 Jahren noch so häufig in den Flieger steigen werden, wie uns das bisher möglich war und noch ist?

 

Dazu kommt, dass es um „mehr“ als eine mögliche „Fehlinvestition“ geht: Für Bayern und Deutschland geht es auch darum, ob das Projekt „3. Startbahn“ sich zu einem „Stadtautobahn-Berlin-Projekt“ entwickelt oder zur bayerischen Version von „S21“ mutiert. - Wenn Sie wirklich gemeinsam mit den Grünen und den Freien Wählern den Regierungswechsel in Bayern wollen, dann erscheint das Einschwören Ihrer potentiellen Wähler auf ein nicht ausreichend überzeugend begründetes „Ja“ in meinen Augen kontraproduktiv.

Meine Bitte an Sie ist daher: Tragen Sie dazu bei, dass diese Entscheidung auf Grundlage nachvollziehbarer, sachlicher Information gefällt wird, ohne „Einschränkung“ auf Partei-politische Positionen. Die damit verbundene mögliche qualitative Verbesserung der Qualität der Entscheidung wäre ein wesentlicher Schritt zur Gewinnung von Glaubwürdigkeit und Bürgernähe.

Erlauben Sie mir meine persönliche Meinung an dieser Stelle: Das leider noch stark verbreitete Wachstumsdenken auf Kosten natürlicher Ressourcen, das in der allgemein bekannten Weisheit  - „Erst wenn der letzte Baum gefällt ist,….werden WIR (!) feststellen, dass man Geld nicht essen kann“ – zum Ausdruck kommt, erscheint mir zunehmend einfältig. Gerade das Projekt „3. Startbahn“ steht für ein „weiter-so“ in der Verschwendung von steuerfreien (!), nicht nachhaltigen, fossilen Energien.

Ich frage mich, wie lange die Relevanz dieser Gedanken noch ignoriert wird. Statt sich auf diese absehbaren Herausforderungen zu konzentrieren, werden tagtäglich noch viel zu sehr „Nebelkerzen“ in Form von weniger bedeutsamen Herausforderungen in Politik, Öffentlichkeit und Presse diskutiert.

Meines Erachtens brauchen wir in diesem Land (und weltweit) in erster Linie Investitionen, die uns von den Importen bzw. dem Verbrauch fossiler Energien unabhängig machen. Dies sind weiter verstärkte Investitionen in erneuerbare Energien und eine noch erheblich stärkere Förderung der Energie-Effizienz und besonders der energetischen Sanierung von Gebäude-Beständen. Die damit verbundenen Investitionen sollten sich als stärkerer Wachstumsmotor als die 3. Startbahn für unsere Volkswirtschaft erweisen. Dies voranzutreiben haben Sie als Organ großer Wohnungsbaugesellschaften beste Voraussetzungen.

Sehr geehrter Herr Ude, ich bitte Sie, mir zu diesen Gedanken Ihre Einschätzung zukommen zu lassen.

Ich bin mir sicher, dass Sie nach bestem Wissen und Gewissen das Beste für unser Land wollen und wünsche Ihnen und uns von Herzen alles Gute!

Beste Grüße,

Frank Brune

 

P.S. Das Büro des Oberbürgermeisters hat eine persönliche Reaktion von Herrn Ude angekündigt. Diese liegt uns bis heute nicht vor. (Stand: 1.12.2011)